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Materialismus der Volksgemeinschaft - Anmerkungen zum neuesten deutschen Historikerstreit

[Helmut Dahmer] Die Politik der Naziführung war in den 12 Jahren ihrer Herrschaft darauf gerichtet, den deutschen „Volkskörper“ von „Nichtariern“ und Regimegegnern zu befreien und ihn zum Beherrscher Europas zu machen. Die gigantischen Kriegskosten sollten durch die Ausplünderung (und Ermordung) von Millionen Juden, Polen, Russen und anderer mißliebiger Gruppen aufgebracht werden, durch die „Arisierung“ jüdischen Eigentums, die Requisition der Gold-, Boden- und Kunstschätze unterworfener Staaten und mit Hilfe eines ungeheuren Systems von Sklaven- und Zwangsarbeit. Die „Volksgemeinschaft“ profitierte vom Elend derer, die ihr nicht angehörten; darum blieben ihre Mitglieder satt und loyal bis zum bitteren Ende.


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Materialismus der Volksgemeinschaft
Anmerkung zum neuesten deutschen Historikerstreit

Die Politik der Naziführung war in den 12 Jahren ihrer Herrschaft darauf gerichtet, den deutschen „Volkskörper“ von „Nichtariern“ und Regimegegnern zu befreien und ihn zum Beherrscher Europas zu machen. Die gigantischen Kriegskosten sollten durch die Ausplünderung (und Ermordung) von Millionen Juden, Polen, Russen und anderer mißliebiger Gruppen aufgebracht werden, durch die „Arisierung“ jüdischen Eigentums, die Requisition der Gold-, Boden- und Kunstschätze unterworfener Staaten und mit Hilfe eines ungeheuren Systems von Sklaven- und Zwangsarbeit. Die „Volksgemeinschaft“ profitierte vom Elend derer, die ihr nicht angehörten; darum blieben ihre Mitglieder satt und loyal bis zum bitteren Ende.
Götz Aly hat nun die Funktionsweise dieses faschistischen Raub- und Versorgungsstaats „auf einer imponierend breiten Quellenbasis“ im einzelnen beschrieben, was vor ihm „noch kein Historiker gewagt und geschafft hatte“ (Wehler ). Und schon trifft ihn – wie neun Jahre zuvor Daniel J. Goldhagen – der Bannstrahl. Hatte Goldhagen den von der NSDAP radikalisierten Volks-Antisemitismus als denjenigen Faktor kenntlich gemacht, der für die außerordentliche Grausamkeit verantwortlich war, mit der Zehn- und Hunderttausende von Tätern am Judenmord sich beteiligten, so hat Aly nun nachgerechnet, was ihnen und ihren Volksgenossen das große Morden eintrug.
Das eine ist offenbar so unerträglich wie das andere, und vielleicht kann man eher noch zugestehen, daß die Großväter Antisemiten als daß sie Räuber waren. „Reduktionismus“ und „krude Deutungsdogmatik“ lauteten die Standardvorwürfe Goldhagen gegenüber, und die deutschen Historiker, die sich dergestalt äußerten, wurden damals nicht müde, zu betonen, der Antisemitismus sei jedenfalls nicht die Hauptursache des Holocaust gewesen. Nun aber geht es gegen den „engstirnigen Materialismus“ (Wehler), und auf einmal avanciert der Antisemitismus doch wieder zum Hauptverdächtigen im Faktorengefüge des großen Mordraubs. Haben sich inzwischen etwa auch Goldhagens frühere Kritiker dessen „These“ zu eigen gemacht? Offenbar, jedenfalls dann, wenn es um die Entlastung der alten NS-Volksgemeinschaft räuberischer Antisemiten geht.
Der Antisemitismus ist ein Verfolgungswahn, der auf Realisierung drängt. Neid, Konkurrenz und Habgier standen an seiner Wiege – das Ressentiment der seßhaft Gewordenen und Eingepferchten gegenüber den nomadisierenden Fremden. Und dieser Wahn wird stets fürchterlich, wenn er mit „materiellem Interesse“ sich paart, wenn also sich den Antisemiten die Chance bietet, das Blut ihrer Opfer zu vergießen und deren Hab und Gut an sich zu bringen.

Helmut Dahmer



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