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Rezension: James Hughes: Citizen Cyborg. Why Democratic Societies Must Respond to the Redesigned Human of the Future

Der Autor

[Reinhard Heil] »The central propositions of this book are that people are generally happier when they have more control over their own lives, and that technology and democracy are the two key ways by which we can exert more control over our lives.« (James Hughes)


Bullet12 PDF-VersionRezension: James Hughes: Citizen Cyborg. Why Democratic Societies Must Respond to the Redesigned Human of the Future, Cambridge 2004. ISBN 0-8133-4198-1, US $26,95.Bullet12 1 (von Reinhard Heil)

 

 

»The central propositions of this book are that people are generally happier when they have more control over their own lives, and that technology and democracy are the two key ways by which we can exert more control over our lives.« James Hughes

 

Bullet12 James Hughes‛, Associate Director of Bullet12 Institutional Research and Planning am Bullet12 Trinity College, hat mit seinem Buch Bullet12 Citizen Cyborg. Why Democratic Societies Must Respond to the Redesigned Human of the Future eine gut lesbare, informative und nach einer kontroversen Diskussion verlangende Studie zur politischen und sozialen Relevanz der transhumanistischen Strömungen und deren Zielen vorgelegt.

Der Transhumanismus ist eine in Deutschland bisher nur am Rande wahrgenommen heterogene und sehr technikaffine Bewegung, die ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten von Amerika hat. Als übergeordnetes Ziel aller transhumanistischen Strömungen lässt sich, wie der Name schon sagt, die Verschiebung bzw. Überwindung aller Schranken, denen der Mensch unterworfen ist, ausmachen. Hughes ist demokratischer Transhumanist, Anhänger einer Spielart des Transhumanismus, die sich deutlich von anderen, meist neo-liberal orientierten, Transhumanismen unterscheidet. Hughes folgt in seiner Bestimmung des Transhumanismus der Definition der Bullet12 World Transhumanist Association (WTA). Einen allgemeinen Überblick über die Absichten und Ziele des Transhumanismus bieten die Frequently asked Questions der beiden etabliertestens Transhumanistischen Organisationen:

World Transhumanist Association Bullet12 FAQ und die Bullet12 FAQ des Bullet12 Extropy Instituts.

 

Bullet12 The Transhumanist Declaration

 

(1) Humanity will be radically changed by technology in the future. We foresee the feasibility of redesigning the human condition, including such parameters as the inevitability of aging, limitations o­n human and artificial intellects, unchosen psychology, suffering, and our confinement to the planet earth.

(2) Systematic research should be put into understanding these coming developments and their long-term consequences.

(3) Transhumanists think that by being generally open and embracing of new technology we have a better chance of turning it to our advantage than if we try to ban or prohibit it.

(4) Transhumanists advocate the moral right for those who so wish to use technology to extend their mental and physical (including reproductive) capacities and to improve their control over their own lives. We seek personal growth beyond our current biological limitations.

(5) In planning for the future, it is mandatory to take into account the prospect of dramatic progress in technological capabilities. It would be tragic if the potential benefits failed to materialize because of technophobia and unnecessary prohibitions. o­n the other hand, it would also be tragic if intelligent life went extinct because of some disaster or war involving advanced technologies.

(6) We need to create forums where people can rationally debate what needs to be done, and a social order where responsible decisions can be implemented.

(7) Transhumanism advocates the well- being of all sentience (whether in artificial intellects, humans, posthumans, or non- human animals) and encompasses many principles of modern humanism. Transhumanism does not support any particular party, politician or political platform.


Im ersten Teil des in drei Hauptteile gegliederten Buchs mit dem Titel »Tools For a Better You« stellt Hughes die Hauptinteressensgebiete des Transhumanismus vor: Kontrolle über den Körper (Controlling the Body) , Lebensverlängerung (Living Longer), Steigerung der menschlichen Intelligenz (Getting Smarter) und Erhöhung der allgemeinen Zufriedenheit (Being Happier).

Der zweite Hauptteil widmet sich der neuen biopolitischen Lage in der wir uns zur Zeit befinden. Hughes sieht das 20. Jahrhundert hauptsächlich bestimmt von ökonomischen, sozialen und kulturellen Fragen. Im neuen Jahrtausend kommen zu diesen – weiterhin aktuellen – Problemen, Fragen der Biopolitik hinzu. An dem einen Ende des biopolitischen Spektrums macht Hughes die »BioBullet12 Luddites« aus, erklärte Gegner genetischen und neuropharmakologischer Eingriffe und Verteidiger der menschlichen Gattung, am anderen Ende finden sich die Transhumanisten, die für das Recht mehr als Mensch sein zu dürfen kämpfen. Diese biopolitischen Strömungen lassen sich nicht einfach auf das übliche politische Raster anwenden, so dass es Hughes zu Folge zu seltsamen Koalitionen zwischen ansonsten politisch inkompatiblen Gruppierungen kommt.

Der dritte Haupteil »Freedom and Equality among the Cyborgs« entwirft eine »Sexy, High-Tech Vision for a Radically Democratic Future«.

Ein weiterer wichtiger Teil des Buches sind die (knapp) kommentierten Verweise und Quellen im Anhang. Diese Angaben finden sich auch auf der zum Buch gehörenden Website Bullet12 Citizen Cyborg Resources.

 

Hughes positioniert sich mit seinem Buch in einer hitzig geführten Debatte über die Chancen und Risiken der Biotechnologien und deren eventuell negativen ethischen, moralischen und biopolitischen Konsequenzen. Die Gegner der Biotechnologie sehen die Gefahr, dass durch weitreichende neuropharmakologische und gentechnischen Eingriffe das, was den Menschen zum Menschen macht, verloren geht. Das also der Slogan: »Better than human« nicht zu verbesserten Menschen, sondern zum Untergang der menschlichen Gattung führt. Die – transhumanistische – Gegenseite tritt dagegen mehr oder weniger radikal für einen freie Verfügung des Einzelnen über seinen Körper und seine Gene ein und sieht im Verbot der Verbesserung im übertragenen Sinne ebenfalls den Tod der Gattung: Stasis – ewiges auf der Stelle stehen und darauf warten, dass die Menschheit, die alle ihre Eier in einem Korb liegen hat, dem dritten Planeten unseres Systems, entweder degeneriert oder durch eine – ja ausstehende – kosmische Katastrophe zerstört wird.

Hughes hat ein politisches Buch geschrieben, dass versucht eine demokratische durchtechnisierte Gesellschaft zu denken und zu verteidigen. Große Teile des Buches haben den Charakter eines politischen Manifests. Der von ihm vertretene demokratische Transhumanismus gehört zu den eher gemäßigten Transhumanismen.

»This book argues that transhuman technologies, technologies that push the boundaries of humaness, can radically improve our quality of life, and that we have a fundamental right to use them to control our bodies and minds. But to ensure these benefits we need to democratically regulate these technology and make them equally available in free societies. Becoming more than human can improve all our lives, but o­nly new forms of transhuman citizenship and democracy will make us freer, more equal and more united.« (xii)

Nach Hughes liegt die Zukunft der Menschheit in einer positiven Haltung gegenüber dem technischen Fortschritt verbunden mit einer möglichst weitgehenden Demokratisierung aller gesellschaftlichen Prozesse. Er möchte, ähnlich wie sein erbitterter Gegner Bullet12 Francis Fukuyama, die technologische Entwicklung in den Griff bekommen, indem mächtige demokratische Kontrollorgane geschaffen werden, die frei sind vom Einfluss der Wirtschaft. Für Hughes ist nicht der technologische Fortschritt problematisch, sondern die Unterwerfung der Forschung und der gesamten Gesellschaft unter das Prinzip der Profitmaximierung. Diese Einstellung ist mit der Grund dafür, dass die sehr neo-liberal orientierten Extropianer den demokratischen Transhumanismus lieber als »sozialistischen Transhumanismus« bezeichnen bzw. in ihren Augen verunglimpfen, da dieser dem Staat zu viel und dem Markt zu wenig Rechte einräume.

 

 

Cyborg Citizenship

»As bioethicist Art Caplan said, ‚The problem with repugnance and fear-and-trembling ethics is they are good starting points but bad ending points. ... If intuition is the last word, then African-Americans are at the back of the bus, women and people who have no property aren‛t voting, and we still have slaves.‛« (76)

 

 

Die Basis des »transhuman« bzw. »cyborg citizenship« bildet ein denaturalisierter Personenbegriff. Hughes macht drauf aufmerksam, dass eine Stärke der Demokratie darin liege, ständig ihre Reichweite zu vergrößern: Vom Wahlrecht für weiße Männer, über das Frauenwahlrecht bis hin zur – theoretischen – Irrelevanz der »Rasse«. Diesen Prozess möchte Hughes nun fortgesetzt sehen und die Reichweite des Personenbegriffs auf alle sich selbst bewussten Lebensformen ausdehnen. Nur Personen, die sich selbstbewusst sind, können Rechte haben. Die Folge daraus: »‚Persons‛ don‛t have to be human, and not all humans are persons.« Hughes möchte den Begriff der Person auf Posthumane (Menschen, deren Genom verändert wurde), intelligente Tiere und Roboter ausdehnen. Den Gegnern einer »cyborg citizenship« wirft er vor, dass sie sich genauso verhalten würden wie Rassisten, die glaubten, dass es zum Untergang der Demokratie führen würde, wenn nicht-weiße Menschen das Wahlrecht erhielten. Hughes, ein aktiver Tierrechtler, spricht in diesem Zusammenhang von »human-racism«. Er ist sich klar darüber, dass die genaue Definition dessen, was eine Person ist, genauso schwer ist, wie die Definition dessen was einen Menschen ausmacht.

»The human-racists want to restrict rights to Homo sapiens 1.0, while the transhumanists, like many bioethicists and the democratic tradition itself, believe rights should be based o­n personhood. But the argument quickly becomes more complex since there is no agreement about what personhood entails. Whatever list of characteristics o­ne uses, technology is sure to create cases that lie exactly in the gray areas.« (221)

Hughes zufolge sind sich aber alle Anhänger des Personenkonzepts darüber einig, dass die Minimalbedingungen für den Personenstatus Selbstbewusstsein (self-awareness) und Begehren (desire) sind. Der Umfang der Rechte einer Person hängt ihm zu Folge von ihrem Bewusstseinsgrad ab: Hirntote, Embryos, Pflanzen und Maschinen gelten als nicht wahrnehmend (Not Sentiment), sie haben keine Rechte, sondern sind Eigentum (Property). Die meisten Tiere, Föten, und dauerhaft Bullet12 vegetative Menschen werden als Lust und Schmerz wahrnehmend (Sentience) eingestuft, sie sind wahrnehmendes Eigentum (Sentient Property) und besitzen das Recht, nicht unnötig zu leiden. Die dritte Stufe wird nach Hughes von menschlichen Kindern, Dementen und mental versehrten menschlichen Erwachsenen, sowie den Großaffen (Gorillas, Schimpansen, Bonobos) gebildet. Sie sind selbstbewusste Personen und haben das Recht zu leben, sowie ein Recht darauf, beim Erreichen ihre vollen Selbstbestimmung unterstützt zu werden. (Dies wird später relevant, wenn es um das »up-lifting« von Tieren geht). Sie können kein Besitz sein, sie sind »versehrte Bürger« (disabled Citizens). Die höchste Stufe bilden die reifen (mature) vernunftbegabten Personen wie erwachsene Menschen (verbessert oder nicht) und die ihnen kognitiv Gleichgestellten. Diese Gruppe, die Vollbürger (»Full Citizens«), hat das Recht und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, sie darf wählen und Verträge schließen. Vgl. Table 12.1, 224) Bleiben solche Personenkonzepte, wie man sie aus dem Utilitarismus, zum Beispiel von Bullet12 Peter Singer, kennt, problematisch, so sind sie doch, meines Erachtens, naturrechtlichen Konzeptionen vorzuziehen.

Hughes geht davon aus, dass wir - sobald wir dazu in der Lage sind - verpflichtet sind, kognitiv hochentwickelte Tiere, wie Delphine und Schimpansen, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln auf ein höheres Bewusstseinsniveau zu heben.Bullet12 2 Dies soll jedoch nicht bedeuten, wie Hughes abschwächt, dass wir dazu verpflichtet wären, alle Delphine und Großaffen einzufangen, sie Gentherapien zu unterwerfen und ihre Gehirne mit Neuropharmaka zu bearbeiten. Dies würde mit ihren Rechten kollidieren. Vielmehr darf diese Gruppe keinen medizinischen Versuchen unterworfen werden, da man ihr Einverständnis an solchen Versuchen teilzunehmen nicht voraussetzen kann. Trotzdem, sollte der technischen Fortschritt eine Verbesserung möglich machen ohne das damit gegen ihre Rechte verstoßen wird, so sind wir, laut Huhges, zum »Uplifting« verpflichtet. Erlaubt ist ein solche Eingriff aus utilitaristischer Perspektive wenn das »Uplifting« kein Leiden verursacht. Hughes schreibt: »Even if we believe with John Stuart Mill that it is better to be an unhappy human than a satisfied pig, we should try to avoid making intelligent but miserable pigs.« (226)

Den eigentliche Gewinn seines Personenkonzepts sieht Hughes in der von ihm propagierten »Cyborg Citizenship«. Personsein wird unabhängig von der Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung gedacht. Volle Bürgerrechte sind nicht daran gebunden, dass man das ‚richtige‛, ‚reine‛ Genom nachweisen kann, sondern sie stehen auch Klonen, verbesserten Menschen, Chimären und – falls es jemals dazu kommen sollte – bewussten Maschinen und verbesserten Tieren zu.

»With cyborg citizenship we can deal with the scary boundary-crossers, the cyborgs, the animal-human hybrids, the genetically engineered kids, the clones and the robots. We can add some more chairs at the table.« (79)

Die FAQ der WTA kommt zu dem Schluss: »‚There is no intrinsic value in being human, just as there is no intrinsic value in being a rock, a frog or a posthuman. The value resides in who we are as individuals, and what we do with our lives.‛« (106)

 

Die Gegner

 

[...] bis Sie wieder über jene vollkommene Balance von Muskelkraft, Atemtechnik und Reflexen verfügen, die Ihr Geburtsrecht ist.«

»‛Geburtsrecht‛. Machen Sie keine billigen Witze, Chef; dazu fehlt Ihnen das Talent! ‚Meine Mutter war ein Reagenzglas, mein Vater ein Skalpell.‛«

»Sie stellen sich aber sehr töricht an wegen eines Hindernisses, das schon vor Jahren aus dem Weg geräumt wurde.«

»Wirklich? Die Gerichte bleiben dabei, daß ich kein Bürger sein darf; die Kirchen behaupten, ich hätte keine Seele. Ich bin kein ‚Mensch, von der Frau geboren‛, zumindest nicht nach Ansicht des Gesetzes.«

[...] Meine Liebe, weshalb verschanzen Sie sich derart in dieser Abwehr? Sie sind nicht nur so menschlich wie Eva aus dem Paradies, Sie sind ein gesteigerter Mensch, so vollkommen wie es dem Schöpfer gelingen wollte. (Robert A. Heinlein, Freitag, Bergisch Gladbach 2000. Original: Friday, 1982, 56)

 

Die Gegner des Transhumanismus (BioLuddites) finden sich verteilt über das gesamte politische Spektrum. Der größte Teil der Kritiker ist – zumindest in den Vereinigten Staaten von Amerika – der religiösen Rechten zuzuordnen. Hughes zu Folge sieht die religiöse Rechte im Transhumanismus zu Recht die letzte Manifestation des Humanismus. Die Reproduktions- und Steigerungstechniken sind für sie Hybris, Verletzung der göttlichen Ordnung. Sie stellen die einzige gegnerische Fraktion des Transhumanismus, mit der keine Diskussion möglich scheint. Da die religiöse Rechte in Deutschland noch keine so große Rolle spielt, erscheint es sinnvoller, auf Hughes Kritik an ihren weltlichen Unterstützern einzugehen: Francis Fukuyama, Bullet12 Leonard Kass (beides Mitglieder des Bullet12 President‛s Council of Bioethics)Bullet12 3 und – von Hughes nur am Rande erwähnt, aber für den deutschsprachigen Raum sehr wichtig – Jürgen Habermas. Die Grundhaltung dieser Kritiker beschreibt Hughes wiefolgt:»For Fukuyama and most social conservatives, utopian visions of radical improvement of the human condition, social or biological, lead inexorably to the gas chamber and the gulag.« (113)

Die konservativen Bioethiker sehen in dem Eingriff in das menschliche Genom und die Fortschritte der Neuropharmakologie eine große Gefahr für die gesamte Menschheit. Fukuyama fragt sich, wie wir überhaupt noch politisch handlungsfähig und -willig bleiben können, wenn wir die Konzentration der Botenstoffe im Gehirn nach unserem Belieben einstellen können und uns – per happypill – jederzeit den angenehmen Kick verschaffen können, der mit einem Erfolgserlebnis einhergeht. Auch wirft Fukuyama die alte Frage auf, warum eine Gesellschaft von (Quasi-)Unsterblichen sich überhaupt noch verändern sollte. Führt eine Verlängerung der Lebensspanne des Menschen über die »biologische« Norm hinaus nicht zu einer Gerontokratie? Ebenfalls spricht Fukuyama die Gefahr an, dass die Gentechnik und vor allem die Neuropharmakologie im Bereich der Verhaltens-/Sozialkontrolle missbraucht werden könnten.

Jürgen Habermas sieht die Gattung Mensch in Gefahr, da es durch die Möglichkeit der genetischen »Programmierung« zu einem neuen interpersonalen Verhältnis kommt: Menschen werden nicht mehr »geboren«, sie werden gemacht – Design, nicht Zeugung. Die Eltern der zukünftigen Person entscheiden über deren genetischen Ausstattung und legen damit eine Lebensplan für die Person fest, zu der sich diese nicht kritisch in ein (Selbst-)Verhältnis setzen kann. Die genetische Manipulation ist irreversibel und bestimmt dasjenige mit, was die Person zu genau dieser individuellen Person macht, die sich später dann zu dieser Manipulation verhalten soll. Eine genetische Manipulation ist nach Habermas nur dann legitim, wenn sie in therapeutischer Absicht geschieht und man das virtuelle Einverständnis der zukünftigen Person voraussetzen kann. Heile ich präventiv eine genetisch bedingte Krankheit mittels einer Gentherapie, so kann ich das Einverständnis der betreffenden Person voraussetzen. Bei der Auswahl einer bestimmten genetisch bedingten Eigenschaft kann ich dies nicht.

»Verbessernde eugenische Eingriffe beeinträchtigen die ethische Freiheit insoweit, wie sie die betroffene Person an abgelehnten, aber irreversiblen Absichten Dritter fixieren und ihr damit verwehren, sich unbefangen als der ungeteilte Autor des eigenen Lebens zu verstehen. [...] aber für die psychische Resonanz beim Betroffen zählt allein die Absicht, die mit dem Vorhaben der Programmierung verbunden war. Nur im negativen Fall der Vermeidung extremer und hochgeneralisierter Übel bestehen gute Gründe für die Annahme, dass der Betroffene der eugenischen Zielsetzung zustimmen würde.«Bullet12 4

Die Befürchtungen von Fukuyama und Habermas laufen darauf hinaus, dass sich die Menschheit durch das Verfügbarmachen der letzten, bisher noch dem manipulativen Zugriff entgangenen, »natürlichen Ressourcen« selbst zerstören könnte oder zumindest der bisher bestehenden Gesellschaftsform den Boden entzieht.

Während Fukuyama eine gemäßigt naturalistische Konzeption dessen vertritt, was ein Mensch ist – er nennt das, was den Menschen zum Menschen macht den »Faktor X« (eine Aufzählung notwendiger Eigenschaften des Menschen) – definiert Habermas das Menschliche über bestimmte Formen von Anerkennung bzw. – wie auch Hughes – über den Begriff der Person. Wichtig ist für Habermas wie für Fukuyama aber die Unverfügbarkeit des Anfangs. Um eine völlige Instrumentalisierung zu vermeiden muss dieser Anfang (die kontingenten Kombination zweier Genome) jedem Zugriff entzogen bleiben. Hughes – als Verfechter der von Habermas kritisierten liberalen Eugenik – hält dem entgegen:

»Imagine a parent who made every decision for their children by rolling a pair of dice. How many years should you attend school? Come o­n double sixes! Oh, sorry, snake eyes – just two years for you. Such a parent would be considered unfit for parenting. Yet, when it comes to the genetic crapshoot, parent who want to assure the best for their child, who want them to be as healthy and able as possible, are the o­nes o­n the defensive, having to prove that they really love their children and don‛t think of them as a commodity.« (134)

Das – gerne und oft angeführte – Beispiel zweier tauber Eltern, die mittels Präimplantationsdiagnostik ein taubes Kind selektieren wollen, da sie die Kultur tauber Menschen als gleichwertig der Kultur hörfähiger Menschen sehen und davon ausgehen, dass sie ein taubes Kind besser erziehen können als ein hörfähiges ist für Hughes nicht stichhaltig, da dies eine Einschränkung der Fähigkeiten einer Person ist und keine Verbesserung. Ein solcher Eingriff wäre unethisch.Bullet12 5

Wie Fukuyama und Habermas tritt er für eine möglichst strikte staatliche, von der Wirtschaft unabhängige, Kontrolle ein und sieht den Staat auch in der Pflicht, die Verbesserungsmöglichkeiten, die sich durch die Zukunftstechnologien ergeben, möglichst allen zugänglich zu machen um eine Aufteilung der Gesellschaft in genetic-rich und genetic-poor zu vermeiden. Die möglichen Belastungen die sich für die gesamte Gattung ergeben, sieht er allerdings anders:

»Fukuyama next asserts that all people are currently created equal and treated equally before the law, and that enhancement would threaten this equality. Liberal bioLuddite Bill McKibben makes the same point in Enough: Staying Human in an Engineered Age, when he says, ‚The political equality enshrined in the Declaration of Independence can‛t withstand the destruction of the idea that humans are in fact equal.‛ Here Fukuyama and the other human-racists have a point – social solidarity will be severely tested in the coming century by an increasingly diverse transhuman society, and advocates of transhuman democracy will need to build a new social solidarity and transhuman citizenship based o­n personhood. But human rights and legal equality depend as little o­n the homogeneity of species-typical abilities as they do o­n the homogeneity of skin color or height.« (114)

Es treffen hier meines Erachtens zwei völlig unterschiedliche Konzeptionen aufeinander: Der Transhumanismus sieht im technologischen Fortschritt enorme Chancen für die Menschheit und zwar gerade in Verbindung mit einer Veränderung der Gattung als solcher. Anpassung an fremde Umwelten, höhere psychische und physikalische Belastungsfähigkeit, sowie die Diversifikation der menschlichen Gattung (eine Idee, die für Habermas schlicht pervers ist) sind ja das ausdrückliche Ziel des Transhumanismus. Dass der Weg dorthin gefährlich ist, wird nicht bestritten, aber das Risiko lohnt sich und ist – aus transhumanistischer Sicht – im Endeffekt geringer als die Risiken, die mit einer möglichen Stagnation der Menschheit verbunden sind. Die Transhumanisten und ihre Gegner haben paradoxerweise dasselbe Ziel: Das Überleben der Menschheit.

Hughes weicht aber den von Fukuyama und anderen berechtigter Weise aufgeworfenen Fragen in seinem Buch über weite Strecken aus. In Kapiteln wie »Hurrah for Ritalin« klingt Hughes wie ein Pharmavertreter. Gerade die berühmten smart drugs (Medikamente zur Steigerung der geistigen Fähigkeiten) wie Prozac und eben Ritalin sind in ihrer Wirkung – und ihren Nebenwirkungen – umstritten. (vgl. Bullet12 Stephan Schleim, Wem gehört das Gehirn?)

 

Irritieren auf der einen Seite Hughes teils extrem unkritischen Elogen auf die (technologische) Zukunft, so irritiert es nicht minder auf der anderen Seite, dass die Biokonservativen über weite Strecken das Bestehende als das Paradies auf Erden darstellen und darüber vergessen, dass das, was sie verteidigen, zum größten Teil nur auf dem – bekannter Weise – geduldigen Papier existiert und der Realisierung harrt.

Meines Erachtens arbeiten Habermas, Fukuyama und nicht wenige Bioethiker – gegen ihre eigenen Absichten – an vielen Orten dem Transhumanismus zu. Sie übernehmen völlig unreflektiert das von den Biotechnologien vorgegebene Vokabular und verlieren damit die Möglichkeit, Form und Reichweite des Diskurses selbst zu bestimmen. Sie sprechen die Sprache ihrer Gegner und haben damit den Kampf bereits verloren. Hughes führt mit Yuval Levin (Bullet12 The Paradox of Conservative Bioethics) ein ähnliches Argument ins Feld:

»Levin goes o­n to warn conservatives that when they debate how to regulate abominable biotech, instead of just call for it to be banned, they normalize the idea of a transhuman future. The central problem for conservatives who defend taboos, says Levin, is that democracies do not forbid things just because they are taboo. Democratic societies require compelling reasons to interfere with people‛s liberty, and religious prejudices and gut feelings don‛t count. According to Levin, o­nce conservatives begin to defend their taboos in democratic debate, they win the battles but lose the war.« (78)

 

 

Eine Neue Linke

 

Sympathisch – und in unserer Zeit wirklich progressiv – ist Hughes Idee, dass die Probleme der Zukunft sich nicht rein technisch lösen lassen, sondern dass der Prozess der Technisierung politisch begleitet werden muss und dass es Probleme gibt, die keine technische Lösung besitzen. Der Glaube an den Markt – nicht nur unter Transhumanisten weit verbreitet – wird von ihm nicht geteilt. Hughes sieht sich weniger im Gefolge der an Bullet12 Friedrich Hayek und dem Bullet12 Anarcho-Kapitalismus orientierten Extropianer, sondern möchte an die Ideale der Sozialdemokratie und die Technikaffinität des Marxismus anknüpfen. Gegen den Glauben an naturwüchsige Marktgesetze geht Hughes mit einem genuin transhumanistischen Argument vor:

»It has always struck me as very odd, though, the way most transhumanist libertarians argue for the market. Citing libertarian guru Friedrich Hayek, they insist that the market is a naturally evolved, emergent phenomenon without conscious guidance, which allocates resources better than any conscious human planning ever can. That is a strange argument from people who believe that all of the imperfect products of evolution can and should be redesigned by human beings. Most libertarians accept that human beings are smart enough to control the genome and the ecosystem better than nature, but balk at the idea that we could ever improve the economy with planning or regulation. Many nineteenth-century humanists became socialists precisely because they believe the market could be improved by rational human design, which has certainly proved to be the case even if it cannot yet be replaced altogether.« (202f.)

und er fährt fort:

«Of course the idea that the market is more ‚natural‛ than political institutions is just as silly and unfounded as the idea that selfishness is more natural than altruism, or that woman are more in touch with nature than men.« (203)

Die Linke schwäche sich durch ihre generelle Technikfeindlichkeit selbst. Die Ursache für die Technikfeindlichkeit der Linken sieht Hughes mit darin, dass sie nicht zwischen ökonomischen System und der Technologie trennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sähe der größte Teil der Linken, die Technik als »an intrinsic part of the evils of capitalism, patriarchy and racism« (125).

Hughes gibt das zu und akzeptiert auch, dass sich das Wirtschaftssystem notwendig in alle Technologien einschreibt und diese mitbestimmt, aber auch hier spielt er die demokratische Karte aus: Nicht in der Technologie liegt die Gefahr, sondern im blinden Glauben an den Markt und unseren mangelhaften Demokratien.

»Off all the bioLuddite concerns, I am most sympathetic with the complaint that profit-seeking corporations have too much control over the innovation, design, marketing and regulation of emerging technologies. But as I have said in many ways now, the solution is not to ban corporate technologies but to strengthen democratic funding of scientific research, to ensure equitable access to the fruits of technology and to provide strong independent oversight of the safety of these technologies. Corporations are driven to overhype their successes and underplay the risks of their products and services, so we need to ensure that independent clinical trails honestly represent the risks and benefits of using the drugs or therapies, and that consumers are adequately informed of those risks and benefits.« (151)

Hughes zitiert eine Untersuchung, der zu Folge unter den 1223 zwischen 1975 und 1996 auf den Markt gebrachten Medikamente lediglich 13 Medikamente zur Bekämpfung der gefährlichen Tropenkrankheiten zu finden sind und davon lediglich 4 im privaten Sektor entwickelt wurden. Der Markt sei nicht in der Lage, diesen Missstand zu beseitigen, hier müsse staatlich interveniert werden.

Hughes führt, neben der Kritik des sich selbstregulierenden Marktes, einen weiteren Grund dafür an, warum linke politische Strömungen sich dem (demokratischen) Transhumanismus zuwenden sollten:

»Left-wing Luddism is boring and depressing, and has no energy to inspire people to create a new and better society. The Left was built by people inspired by millennial visions, not by people who saw o­nly a hopeless future of futile existential protest against the juggernaut of fascist Progress. If there is to be a future for progressives politics it has to come from a rebirth of a sexy, high-tech vision of a radically democratic future, a rediscovery of the utopian imagination.« (194)

Die zeitgenössische Linke habe keine Vision mehr, kein übergeordnetes Ziel. Hughes zitiertzustimmend Russels Jacoby‛s The End of Utopia: »in an era of political resignation and fatigue the utopian spirit remains more necessary than ever. It evokes neither prisons nor programs, but an idea of human solidarity and happiness. ... Something is missing. A light has gone out. The world stripped of anticipations turns cold and grey.« (zit. nach 194)

Die Linke habe den Glauben daran verloren, dass die menschliche Gesellschaft radikal transformiert werden könne, dass man mehr erreichen könne als die Verteidigung des status quo gegenüber einer kapitalistischen Version der Zukunft. Die Linke brauche visionäre Projekte, Projekte die die Welt verändern würden. Hughes führt beispielhaft an: Gesundheit, Intelligenz und Langlebigkeit für alle, die Bildung einer Weltregierung, die Abschaffung der Arbeit und die Kolonialisierung des Sonnensystems.

Luddismus von Links ist für Hughes nicht nur ein politische Sackgasse, sondern, wie er schreibt, auch schlechte politische Soziologie, da die Linke in unangemessener Weise Technologien mit Machtrelationen gleichsetze und versuche den Kapitalismus, das Patriarchat und ähnliches zu bekämpfen, indem sie sich gegen die Technik wende anstatt sie zu befreien und diese allen kostenlos zugänglich zu machen.

»Technologies may make certain kinds of power more likely than other, but they do not determine power relations. Each new technology creates a new terrain for organizing and democratic struggle, new possibilities for expanded liberty and equality, or for oppression and exploitation. Technological innovation needs to be democratically regulated and guided, not fought or forbidden.« (194)

Man mag am Programm der transhumanistischen Demokratie seine Zweifel haben, man mag den Transhumanismus in all seine Schattierungen als inhuman verdammen, ihm seine mangelhaften theoretischen Grundlagen und den billigen Utilitarismus/Liberalismus vorhalten, aber festzuhalten bleibt: der Transhumanismus hat Visionen und möchte die Zukunft aktiv gestalten, anstatt sich ständig in der Defensive zu befinden.

Hughes »Citizen Cyborg« ist ein Buch, über das man streiten kann, ja sogar streiten muss. Es bietet eine teils erschreckende, teils faszinierende, teils beides vereinende Vision der Zukunft – und der Gegenwart. Es thematisiert die brennenden biopolitischen Fragen unserer Zeit vom Standpunkt eines engagierten Teilnehmers aus, in leicht verständlichem Englisch. Hughes stellt sein Buch und sein Programm selbst in einem o­nline verfügbaren Überblicksartikel (Bullet12 Democratic Transhumanism 2.0) vor. (Reinhard Heil, Darmstadt)

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Anmerkungen:

Bullet12 1Für Anmerkungen, Kritik und Hinweise danke ich Rainer Becker, Christian Diel, Dirk Hommrich, Jochen Schwenk und Marc Ziegler.

Bullet12 2»Did I lose you there? It seems bizarre to most that we might have any obligation to intelligent animals beyond leaving them alone in the wild, and threating those in captivity humanely. But I think we have the same obligation to uplift ‚disabled‛ animal citizens that we have to disabled human citizens.« (224)

Bullet12 3Die Website des Councils stellt Sitzungsberichte und viele Publikationen o­nline zur Verfügung.

Bullet12 4Jürgen Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?, Frankfurt/M. 4. erw. Aufl. 2002, 109.

Bullet12 5»So what might we do with parents who wanted to use germinal choice to rob their children of intelligence, health or abilities? We already face this issue with a couple sets of deaf parents who have tried to use IVF and prenatal screening to select embryos with congenital deafness. These parents argue that deaf cultures is equally valid and that they would be better able to raise a deaf child. According to the principle of ‚procreative beneficence,‛ selecting for deafness is clearly unethical, since it robs children of a critical ability. Physicians should refuse to accede to such a request, and public and private insurance should refuse to pay for it. When the deaf child reaches maturity they should be able to sue their parents for damages.« (140)


Der Autor

Reinhard Heil, M.A., Mitglied des Graduiertenkollegs „Technisierung und Gesellschaft“ der TU Darmstadt. Forschungsschwerpunkte: zeitgenössische politische Theorie, französische Gegenwartsphilosophie, Laibacher Lacan Schule (vor allem Salvoj ´i¸ek), Sozial- und Technikphilosophie, Transhumanismus und Cyber-/Cyborgfeminismus. Promotionsprojekt: Der Transhumanismus.

Webseiten
Bullet12 Bullet12 www.demokratietheorie.de
Bullet12 Bullet12 www.transhumansimus.demokratietheorie.de

Bullet12 Webseite des Graduiertenkollegs Technisierung und Gesellschaft des FB2 der Technischen Universität Darmstadt.



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Weblinks:

Bullet12 Portalseite Transhumanismus


Bullet12 Transhumanismus (Wikipedia)


Bullet12 James Hughes


Bullet12 Democratic Transhumanism 2.0


Bullet12 J. Hughes: Den Wandel mit aller Entschlossenheit ergreifenBullet12  (in Telepolis)


Bullet12 Citizen Cyborg ResourcesBullet12 .


Bullet12 Institutional Research and Planning


Bullet12 Trinity College


Bullet12 World Transhumanist Association


Bullet12 World Transhumanist Association Bullet12 FAQ


Bullet12 FAQ des Bullet12 Extropy InstitutsBullet12 .


Bullet12 The Transhumanist Declaration


Bullet12 Francis Fukuyama


Bullet12 Leonard Kass


Bullet12 President‛s Council of Bioethics


Bullet12 Stephan Schleim, Wem gehört das Gehirn?


Bullet12 The Paradox of Conservative Bioethics


Bullet12 Friedrich Hayek


Bullet12 Anarcho-Kapitalismus


Bullet12 Geschichte der Bioethik und bioethisch relevante Meilensteine der Forschung (Wikipedia)


Bullet12 Bioethik (Wikipdeia)



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