hypertext.: Rezension zu Clara Mancini: Cinematic Hypertext
|
 [Oliver Krämer] "Das Problem, mit dem sich Clara Mancini in ihrer nun als Buch erschienenen Dissertation Cinematic Hypertext. Investigating a new paradigm befasst, ist so alt wie das Medium Hypertext selbst: seine Möglichkeiten, von der Dissemination einzelner Textbausteine bis hin zur Atomisierung der Texte in einzelne Buchstaben durch entsprechende Verlinkung, sind für wissenschaftliche Hypertexte nicht in gleichem Maße nutzbar wie z.B. für literarische."
|
| |
Clara Mancini: Cinematic Hypertext. Investigating a new paradigm. Erschienen in der Serie Frontiers in Artificial Intelligence and Applications, Volume 122. IOS Press, Amsterdam, 2005, ISBN 1586035134, 182 Seiten, 139,79¤ (bei Amazon).
 | |
Das Problem, mit dem sich Clara Mancini in ihrer nun als Buch erschienenen Dissertation Cinematic Hypertext. Investigating a new paradigm befasst, ist so alt wie das Medium Hypertext selbst: seine M öglichkeiten, von der Dissemination einzelner Textbausteine bis hin zur Atomisierung der Texte in einzelne Buchstaben durch entsprechende Verlinkung, sind für wissenschaftliche Hypertexte nicht in gleichem Maße nutzbar wie z.B. für literarische. Grund dafür: Die wissenschaftliche Argumentationslinie ist, um glaubwürdig und wirksam zu sein, mehr noch von ihrer linearen Repräsentation abhängig, als die narrative Linie in literarischen Hypertexten.Multiple, vom Leser selbst zu explorierende, Lesepfade schw ächen daher eher die Argumentationskette, als sie zu untermauern. Auf den Punkt gebracht heißt das: die viel gepriesenen Vorteile und Möglichkeiten des Mediums Hypertext stossen bei der Repräsentation wissenschaftlicher Argumentation an ihre Grenzen. Eine Lösung des Problems verspricht das vorliegende Buch. Es bildet die theoretische Basis für den Prototyp einer visuellen Beschreibungssprache mit der das Medium Hypertext zur adäquaten Darstellung wissenschaftlicher Argumentation nutzbar gemacht werden soll.Mancini stellt ihr Hypertextmodell drei bereits bestehenden Paradigmen gegen über:
„pagebased“ hypertextEin Textmodell, bei dem einzelne Diskurseinheiten (Seiten) durch Textelemente wie z.B. W örter oder Sätze miteinander verlinkt werden. Textkohärenz wird hier dadurch hervorgerufen, dass der Link selbst (seine Bezeichnung) eine Erwartungshaltung (semantic expectation) beim Leser schafft, welche in der Regel durch die neue Seite, die sich hinter dem Link verbirgt, befriedigt wird. Dominantes Beispiel ist das World Wide Web.semantic hypertext Ein weiteres Paradigma zur Darstellung von Diskurskoh ärenz in Hypertexten ist der semantische Hypertext. Hier erschaffen Knotenpunkte je nach Inhalt oder Funktion Instanzen von Objektklassen und -subklassen. Diese sind durch ihre speziellen Eigenschaften, sowie die von der in der Hierarchie höher stehenden Klasse vererbten Eigenschaften charakterisiert. Kohärenz wird dadurch erreicht, dass die jeweilige Beziehung zwischen den einzelnen Diskurseinheiten oder Klassen explizit angegeben und grafisch bzw. farblich dargestellt werden kann. Bekannte Hypertextsysteme sind u.a. NoteCards und Storyspace.spatial hypertext Die Vorstellung von Hypertext als r äumlichem Medium wurde aus den Erfahrungen mit semantischen Hypertextsystemen heraus geboren. Wie sich gezeigt hatte benutzten die Autoren dieser Systeme hauptsächlich die Möglichkeit, Objekte zu gruppieren, um ihre Beziehung zueinander anzuzeigen, anstatt diese Beziehung explizit zu nennen. Aufbauend auf einer Analyse der Strukturen (Listen, Pyramiden), die die Benutzer beim Gebrauch des Systems bildeten, wurden heuristische Algorithmen zu ihrer Darstellung entwickelt. Systeme, die auf der räumlichen Metapher für Hypertext basieren sind u.a. VIKI, HyperMap und Tinderbox.
Nachteile der drei Modelle
Bezogen auf Diskurskoh ärenz hat jedes dieser drei Paradigmen seine in der Praxis erwiesenen Vor- und Nachteile. So haben sich beim „pagebased“ hypertext zwar gewisse Konventionen betreffend der Verlinkung und Bezeichung funktioneller Links entwickelt, jedoch sind diese zumeist das einzige Mittel zur Repräsentation von Struktur. Zudem sagen die Konventionen nichts über die Struktur des Diskurses selbst aus.Bei semantischen Hypertexten sind vor allem fehlende Konventionen über Farbgebung und grafische Auszeichnung der Objekte ein Problem. Zudem müssen bei diesem Modell alle Diskurseinheiten zeitgleich mit ihren Beziehungen dargestellt werden, was wiederum der traditionellen Vorstellung, dass der Autor eines Textes den Leser auf eine Reise schickt, an deren Ende das Erreichen bzw. Nachvollziehen seiner Vision steht, zuwider läuft.Auch in r äumlichen Hypertexten besteht das Problem fehlender Konvention, nämlich der über die räumliche Strukturierung der einzelnen Objekte. Außerdem werden den Objekten ihre visuellen Eigenschaften auf Basis ihres Inhalts und nicht auf Basis der Rolle, die sie als Diskurselement einnehmen, zugeschrieben.
cinematic hypertext
Ihren eigenen Ansatz Cinematic Hypertext stellt Mancini als Hybrid der drei untersuchten Modelle vor. Er beinhaltet nicht nur die Möglichkeit, Diskurseinheiten Seite für Seite zu verlinken, sie farblich und schriftlich zu kennzeichnen sowie räumlich anzuordnen, sondern auch ihre Beziehung grafisch oder animiert darzustellen. Dies kann nach vorgegebenen Regeln oder nach eigens erstellten geschehen. So kann z.B. die Eigenschaft „Kausalität“ der Beziehung zweier Diskurselemente durch eine grafische Animation dargestellt werden, bei der ein zweites Textfenster unter einem ersten herausfährt. Bei einer anderen Animation zur Darstellung von „Ähnlichkeit“ ist zuerst ein Textfenster sichtbar, auf das sich nach einer vorgegebenen Zeit ein zweites zubewegt. Die einzelnen Elemente sind verlinkbar und können grafisch unterschiedlich markiert werden.Eben diese Animationen sind es, die dem Textmodell seinen Namen „Cinematic Hypertext“ geben. Mancinis Untersuchungen zu Koh ärenzbildungsprozessen in Filmen und ihre Anwendbarkeit auf hypertextuelle Umgebungen sind absolut solide und nachvollziehbar. Das vorgestellte Textmodell überzeugt ebenfalls und man darf auf weitere Arbeiten zur Entwicklung der entsprechenden Software gespannt sein. Doch gerade was die Software betrifft, so werfen der theoretische Ansatz selbst sowie die Tatsache, dass bereits bei den Experimenten auf bestehende Software (Powerpoint für die Animationen) zurückgegriffen wurde, eine Frage auf: Warum kommt bereits existierende Autorensoftware (z.B. Macromedia Flash), die eben genau die angesprochenen Möglichkeiten bereitstellt, nicht zur Anwendung bei der (hypertextuellen) Darstellung wissenschaftlicher Arbeiten? Zu umständlich? Zu wenig automatisiert? Wie erwähnt, auf Clara Mancinis Cinematic Hypertext Editor darf man gespannt sein...
 |
|
3414 Mal gelesen |
|