Hey! Hier kommt Alex!" dröhnt es aus den alten Boxen des Köhler-Saals. Der Song der Toten Hosen bildet das Intro zu diesem illustren Abend voller „sadistischer Gewalt, Raub und Hehlerei, Mord und Totschlag, opportunistischer Politricks"1: Das Schauspielstudio der Technischen Universität zeigt „A Clockwork Orange" von Anthony Burgess.

Die 1962 noch unter dem Eindruck des kalten Kriegs entstandene Romanvorlage spielt in der (gar nicht so fernen) Zukunft und erzählt die Geschichte von Alex und seinen „Droogs"2 Pete, Dim und George. Neben regelmäßigen Besuchen in der Korova Milchbar, in der halblegale Drinks ausgeschenkt werden, widmet sich die jugendliche Viererbande mit Vorliebe dem „toltschoken" unbescholtener Bürger und dem „alten Rein-Raus-Spielchen" – aber auf „Ultra-Brutalo-Art": Schlägereien, Überfälle und Vergewaltigung, zuletzt auch Mord, liegen an der Tagesordnung. So dauert es nicht lange bis Alex, der Kopf der Bande, verhaftet wird und eine 14jährige Haftstrafe antreten muss. Doch kaum schließt sich die Gefängnistür hinter ihm, ändert die Regierung ihr „Resozialisierungsprogramm". Fortan sollen Verbrecher nicht mehr Buße tun, indem sie ihre Haftstrafe absitzen, sondern durch eine Mixtur aus Psychopharmaka und audiovisueller Gehirnwäsche zwangsgeläutert werden. Die Konditionierung sieht vor, dass Straftäter schon beim Versuch, Böses zu tun, selbst physischen Schaden erleiden. Mit anderen Worten: Das System spricht dem Individuum den freien Willen ab, selbst zu entscheiden, ob es Gutes oder Böses tun will. Der Mensch innerhalb des Staates und der Gesellschaft hat zu funktionieren oder um es mit den Worten der Toten Hosen zu sagen: „jeder Mensch tickt wie ein Uhrwerk, wie ein Computer programmiert."

Alex, jung, kräftig und bösartig, ist nicht nur der ideale, sondern auch der erste Kandidat für das neue Programm. Nachdem er die Qualen der „Behandlung" durchgestanden hat, wird er frühzeitig als „geheilt" entlassen und kehrt nach Jahren der Abwesenheit in seine Heimatstadt zurück. Dort holen ihn nach kurzer Zeit die Geister der Vergangenheit ein und er trifft auf alte Bekannte, denen er früher Leid zugefügt hatte: seine Eltern, die inzwischen sein Zimmer vermietet haben und ihm deutlich machen, dass sich daran nichts ändern wird; den Witwer der Frau, die Alex mit seinen Droogs vergewaltigt hatte, und nicht zuletzt seine früheren Droogs selbst. Pete, mittlerweile verheiratet, führt das langweilige Leben eines Spießbürgers und zeigt wenig Interesse an Alex. Dim, früher selbst oft Opfer von Alex’ Bösartigkeit, hat sich nicht besonders verändert. Noch immer gehört Toltschoken zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, nur macht er dies inzwischen als verlängerter Arm des Gesetzes, als Rad im System: Dim ist Polizist und toltschokt nicht mehr unbescholtene Bürger, sondern Straftäter - Straftäter wie Alex.

A Clockwork Orange ist vielfach bearbeitet worden und hat mit der Verfilmung von Stanley Kubrick (1971) Kultstatus erreicht. Das TUD Schauspielstudio zeigt das Stück in der deutschen Fassung von Bruno Max, Regie führten Andrea Bick und Andreas Fecher.

An diesem Abend der letzten Aufführung zeigt sich, dass das Ensemble mit der Wahl des Stücks richtig gelegen hat (die Abstimmung über das Programm verläuft basisdemokratisch): das Haus ist nicht nur voll, sondern ausverkauft. Tatsächlich müssen einige Besucher, die keine Karten mehr ergattern konnten, draußen bleiben. Einen vergleichbaren Erfolg konnte das Schauspielstudio zuletzt mit der Aufführung von Dürrenmatts Die Physiker verbuchen. 
Eine Inszenierung von A Clockwork Orange bringt jedoch immer mehrere Probleme mit sich. Erstens stellt sich die Frage nach dem Grad und der Art der Darstellung von so massiver und sinnloser Gewalt. Zweitens verlangt grade die Hauptrolle des Alex, der gleichzeitig Erzähler der Geschichte ist, einen charismatischen Darsteller; lange Monologe, Wutausbrüche, mal schmeichelhaftes, dann wieder rüpelhaftes Benehmen (vor allem im Umgang mit den weiblichen Darstellern), verlangen dem Schauspieler ein breites Sprektrum seiner Kunst ab. Nicht zuletzt drittens kämpft man mit einer Inszenierung des Stücks immer gegen Kubricks Verfilmung an, die weltweit sehr erfolgreich war und sich ins Gedächtnis vieler Zuschauer gebrannt hat.

Vorweggenommen sei, dass die Aufführung des TUD Schauspielstudios ebenfalls ein voller Erfolg war, der den Besuchern des Stücks noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Das Publikum hatte sichtlich Spaß dabei, zu beobachten, wie das Ensemble mit den doch recht einfachen Mitteln eines akademischen Theaters die erwähnten „Probleme" auf grandiose Weise löst. Besonders Matthias Karst in der Rolle des tyrannischen Alex wusste zu überzeugen. Eine Mischung aus schwarz gewandtetem Revolverheld und Gevatter Tod, mal schreiend, mal flüsternd, stets aber im Befehlston und mit verschlagenem Blick, machte er das Publikum an diesem Abend zu seinen Droogs. Ralf Pfleiderer, als Dim ebenfalls einer der Hauptdarsteller, lieferte mit glaubhaft „dimmlichem" Auftreten und markant irrem Gelächter ebenfalls eine solide Leistung ab.

In den Nebenrollen gefielen vor allem Michael Frenkel als trinkfester Gefängnispfarrer (der war doch wirklich betrun...?), Julien Lietart als Innenminister (mit steifem Dauergrinsen ein überzeugender Vertreter der wandelbaren Regierung in A Clockwork Orange) und Ekaterina Kolotinskaya als Dr. Brodsky. 



1 Zitiert nach der Ankündigung auf  www.tu-darmstadt.de/hg/schauspielstudio/aktuelles.html

2 Droogs (nadsat) für Freund: Nadsat ist Anthony Burgess’ fiktive Jugendsprache in A Clockwork Orange. Sie setzt sich im Wesentlichen aus englischen und russischen Sprachfetzen zusammen.