aktuelle Beiträge.
Alles hat seine Zeit. Zeitordnung und Wert
[Klaus Peter Müller] In der platonischen Welt hatte noch alles seine Zeit und darin drückte sich die Vertrauenswürdigkeit des Kosmos aus. Nach dieser Vorstellung konnte man das Rechte nur tun, weil es auch die rechte Zeit dafür gab. In der Moderne drängt sich hingegen eine andere Zeiterfahrung auf, die der temporalen Indifferenz.
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Die Politik der Zeit
[Dominic Desroches] Politik ist eine Frage der Zeit. Peter Sloterdijk und Daniel Innerarity analysieren auf originelle Art und Weise den Gebrauch, den die Politik von der Zeit macht. Was ist nun dran am Zorn als Motor der politischen Zeit? Wie nimmt man die Zukunft ernst in einer modernen Demokratie? Von der Wichtigkeit eine echte „Chronopolitik“ zu erfinden.
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Zur Banalität des Bösen bei Hannah Arendt
[Esther Schröter] Im Eichmann-Prozess 1961 zeigte sich für Arendt ein Täter, der kein Bösewicht war. Es handelte sich nach Arendts Worten um einen Täter mit „[...] recht bescheidenen geistigen Gaben [...]“ , der auf seine Karriere bedacht war. Die Aussagen Adolf Eichmanns, des ehemaligen Leiters des Referats „Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten“, spiegeln für sie durchweg Tatsachen wider, in denen das Böse banal, als nichts Besonderes, gleichgültig, auftritt: „[...] denn in dem Bericht selbst kommt die mögliche Banalität des Bösen nur auf der Ebene des Tatsächlichen zur Sprache, als ein Phänomen, das zu übersehen unmöglich war.“ Diese Bestimmung des Bösen stellte einen Bruch mit der Denktradition dar, schließlich verliert das Böse mit dieser Beschreibung seinen dämonischen Charakter.
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Maschinenstürmerische Gegenwart. (Neo-)Ludditische Diskurse in literarischen und sozialgeschichtlichen Essays.
[Klaus Feisel] Wer kennt sie nicht: Die Arbeiteraufstände und Maschinenzerstörungen, welche im industrialisierten Europa des 17. und 18. Jahrhunderts aufflammten. Maschinenstürmer, auch Ludditen genannt, protestierten auf diese Weise gegen die voranschreitende Technisierung und die damit einhergehende Verelendung der Bevölkerung.
Derjenige, der nun jedoch annimmt, Zeugnisse jener längst vergangenen Tage nur noch in verstaubten Geschichtsbüchern oder literarischen Werken wie Gerhart Hauptmanns Die Weber vorzufinden, hat weit gefehlt: Denn auch heute gibt es noch verschiedenste maschinenstürmerische Bewegungen. Dabei handelt es sich aber nicht mehr nur um Aufstände wütender Fabrikarbeiter, sondern vielmehr auch um einen Protest, der sich auf intellektueller Ebene abspielt. Dieser ist unter dem Namen Neo-Luddismus bekannt.
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Lebedame und Philosophin: Ninon de Lenclos über Moral
[Claudia Simone Dorchain] Pascal und Descartes, Molière und Racine sind nur vier große Autoren, die das siebzehnte Jahrhundert, diese so bewegte und für vieles grundlegende Epoche, prägten. Neben großen Männern hat sie auch Frauen hervorgebracht, die, mit allen Erkenntnissen ihrer Zeit vertraut, eine philosophische Lebensweise lehrten und lebten. Eine davon ist Ninon de Lenclos (1620-1705), Adlige von Geburt, Epikuräerin von Gesinnung und streitbare Literatin aus Neigung. Ganz auf der Höhe ihrer Zeit und mit vielen Berühmtheiten per Du, widerspricht sie gängigen Vorurteilen mit bestechender Logik. Ihre Moral, die Anleihen beim griechischen Philosophen Epikur und seiner Betonung der Sinne macht, ist ausgesprochen antimetaphysisch und rein auf den Effekt bedacht: ist nicht die Liebe ein natürlicher Ausdruck des Willens, und ist nicht der Wille durch die Vernunft lenkbar? – Obwohl „nicht fleißig genug“, um ein regelrechtes System zu hinterlassen, spiegelt ihr Nachlass viele wichtige Ideen über Motivation, Wille und Moral, die ihre Ausprägung eigentlich erst im neunzehnten Jahrhundert erfahren haben, im Ansatz wider. Diesem philosophischen Spurenlesen will ich ein Beispiel geben: die Korrespondenz mit dem Marquis de Sevigné, die uns in 55 Briefen überliefert ist. Hierin berät sie den jungen Mann auf seinem Weg ins gesellschaftliche Leben, dessen Oberflächlichkeit sie entlarvt, wie auch in die Liebe.
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vereinfachen, fälschen, vergessen - Operationen des Erkennens bei Proust und Luhmann
[Paul Gourgai] Stellt man Befunden der Systemtheorie von Niklas Luhmann Einsichten der ‚Recherche’ von Marcel Proust gegenüber, so eröffnen sich Dialoge komplementärer Aussagen, die darauf hindeuten, dass Prousts Einsichten mit Erkenntnissen der soziologischen Erkenntnistheorie Luhmanns korrespondieren. In Prousts Vorstellung sind ‚Vereinfachungen’ und ‚Fälschungen’ nichts weiter als Prämissen des Erkenntnisprozesses der »denkenden Hirne«, während in Luhmanns Konzeption die Reduktion von Komplexität auf Basis des Vergessens die »Bewusstseinssysteme« überhaupt erst in die Lage versetzt, ihre Funktion zu erhalten. Jenseits jeder vordergründigen Ethik verständigen sich die beiden Ansätze darauf, dass es keinen fixen Punkt geben kann, von dem aus beobachtet werden kann, sondern dass alles Erzählen immer nur von beweglichen Gesichtspunkten auf bewegliche Ziele gerichtet ist.
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Rationality and Freedom - Schelling's later Philosophy
[Malte Dominik Krüger] With Schelling’s later philosophy the rationality in German idealism bids farewell to its fantasy of almightiness. The rationality fails in the attempt of its ultimate justification. In the reality of an absolute ground it cannot assure itself of its own reality. The rationality realises that it is being related to an absolute, but its reality as creative freedom withdraws itself from the conceptualising striving of the rationality (negative philosophy). However, the possibility of this rationally ungraspable reality, as understood by the rationality, liberates to create theoretically a not enforceable change of perspective (religion), which is nonetheless not to be denounced as irrational. Afterwards, the “unlocked” rationality is able to diagnose the world in the horizon of the creative freedom of the absolute (positive philosophy).
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Fremderfahrung im Sport
[Petra Rogge] Es ist nicht Alea, die Spielerische, die auf den Bühnen des Sports eine prägnante Rolle bekommt, es ist der in Höchstmaßen punktende Agon. Eine zu erprobende Variante wäre etwa die Besetzung des sportiven Stücks mit zwei starken Hauptrollen: Agon darf als wetteifernder Hagestolz so bleiben wie er ist. Ihm wird Alea, die frei lassend Spielerische an die Seite gestellt.
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was heißt deleuzianisch? Zur Aktualität von Gilles Deleuze.
[Réne Steininger] Wenn es stimmt, dass jedes Kunstwerk eine Gefahr in sich birgt, so ist nicht einzusehen, wie man dieses Wagnis eingehen und sich gleichzeitig seine „Lebensqualität erhöhen“ kann. Die des Konsumenten erhöht es zweifellos. Aber Rimbaud auf gut dotierter Lesetour, Kafka bei Kipferl und Kaffee in der Villa Massimo, Nietzsche im angeregten Plausch mit dem Kulturredakteur der FAZ? Unausgesprochenes Ziel ist eine Art Wellnessphilosophie, die keine höhere Form der Auflehnung mehr kennt, geschweige denn proklamieren darf als diejenige der Ironie - von der David Foster Wallace einmal treffend gesagt hat, dass sie das Lied eines Vogels sei, der seinen Käfig liebt.
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Historische und systematische Überlegungen zum neuzeitlichen Fortschrittsparadigma und seiner Restitution angesichts aktueller technologischer Visionen
[Andreas Woyke] Die Vorstellung eines universellen Fortschritts, innerhalb dessen sich einzelne wissenschaftlich-technologische und gesellschaftlich-politische Fortschritte weitgehend überlagern, hat ihre wesentlichen Wurzeln in den programmatischen Methodologien Bacons und Descartes und in der aufklärerischen Idee einer teleologisch verstandenen Universalgeschichte. Insbesondere wichtige Ausprägungen eines geschichtsphilosophisch verstandenen Fortschritts in den Varianten „technomorpher“ Orientierung bei Condorcet und Comte und „anthropomorpher“ Orientierung bei Kant und Hegel werden einer näheren Betrachtung unterzogen. Jenseits rein optimistischer und pessimistischer Akzentuierungen geht es um eine differenzierende Antwort auf die Frage, inwieweit wir im Blick auf unsere Gegenwart tatsächliche Fortschritte konstatieren können. Abschließend wird eine kritische Beurteilung der Restitution des neuzeitlichen Fortschrittsparadigmas angesichts aktueller technologischer Visionen unternommen.
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Luciano Canfora: Eine kurze Geschichte der Demokratie
[Kevin Zdiara] Canfora unternimmt in seinem Buch ‚Eine kleine Geschichte der Demokratie’ den Versuch, die Entwicklung der europäischen Demokratie als eine Geschichte der Klassenkämpfe zu beschreiben. In einer historischen tour de force führt Canfora den Leser an die Orte und Zeitpunkte, die ihm für die Entwicklung der Demokratie zentral und entscheidend erscheinen. Vor allem die Wendepunkte der europäischen Geschichte – 1789, 1871, 1917 – stehen bei ihm im Zentrum. Letztlich erfolgreich kann das demokratische Modell nur sein, so Canfora, wenn alle in und an ihm beteiligt sind.
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Sic et Non. Ausgabe #11. 2008.
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ISSN 1431-2395 (online)
(c) 2009 Sic et Non, Darmstadt
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Sic et Non. Ausgabe #10. 2008.
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ISSN 1431-2395 (online)
(c) 2008 Sic et Non, Darmstadt
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